Selbst-Optimierung: Fluch oder Segen?
29/04/2019 Karl Nessmann

Selbst-Optimierung: Fluch oder Segen?

Posted in Das Wort zum Buch

Perfektionismus und Narzissmus in all ihren Blüten; negative und positive Folgen der Selbstoptimierung

Der Titel der ORF Barbara Karlich Show „Schluss mit dem Selbstoptimierungs-wahn“ deutet bereits darauf hin, dass hier der Wahn (übertriebene Denkweise, psychische Störung) im Kontext mit der Selbstoptimierung im Fokus stand. Beim Thema SELBST-OPTIMIERUNG kommt man mit vielen Aspekten in Berührung:  Selbst-verwirklichung, Selbst-findung, Selbst-darstellung, Selbst-vermarktung, ICH-Marke, ICH-AG, ICH-Sucht, Ego-Marketing, der Anspruch auf Einzigartigkeit und Flexibilität am Arbeitsmarkt (flexible Mensch, flexible Selbstvermarkter), der Trend zur Individualisierung einer neoliberalen Gesellschaft sowie menschliche Eigenschaften wie Perfektionismus, Narzissmus in all ihren Blüten.

Die Selbstoptimierungsfalle 

Gleich vorweg: all diese Formen, extremen Auswüchse, wahnhaften Verhaltensweisen des Menschen haben negative Folgen und können – um bei unserem WAY OF CARL Fokus zu bleiben – in Burnout, Depression und Sucht führen. Dies war auch bei mir so und einer der vielen Ursachen und Gründe für meine Erschöpfung, depressiven Episoden und Suchttendenzen (hauptsächlich Medikamente und Alkohol). Die eingangs skizzierten Aspekte der Selbst-Optimierung spielen bei diesen „Erkrankungen“ eine Rolle, wie die einschlägige Forschung belegt.

Selbst, Selbst, Selbst …

Im autobiografischen Fachbuch „Dreimal Hölle und retour“ habe ich einige Teilaspekte dieser komplexen Thematik diskutiert(*). In  Kap. 5 Gesellschaft (S.159 f) wird deutlich, welche Rolle das neoliberale Gesellschaftsbild, die Wettbewerbs- und Ellebogengesellschaft beim globalen Burnout spielt, vor allem wohin die Selbst-Ökonomisierung (Zwang zur Selbstproduktion und Selbstvermarktung) führen kann – wenn schon nicht gleich in ein Burnout, aber zu einer Art Überforderung kann die permanente Suche nach dem Selbst, die Selbst-findung und Selbst-darstellung durchaus führen, wie namhafte Soziologen, die ich zitierte,  betonen. Natürlich gehört das Klappern zum Geschäft und ein gewisses Maß an Eigenwerbung bzw. Selbst-PR-Darstellung ist heutzutage erforderlich, um seine Diensleistungen, Angebote, Werte, Ziele, Visionen, Botschaften in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dabei kommt es auf das (Aus-) Maß und die Dosierung an: schrille Selbstvermarkter, die auf bloße Publicity und Selbstverherrlichung aus sind, die ihr narzisstisches Ego zur Schau stellen, scheitern früher oder später ohnehin und/oder brennen aus (burn-out). Wie auch immer,  all diese gesellschaftlichen Entwicklungen sind – neben vielen anderen Ursachen – gewiss zentrale  Bedingungen für das kollektive Erschöpfungssyndrom, für all die mentalen und seelischen Störungen wie Burnout, Depression und Sichterkrankungen aller Art: von der Alkohol-, Drogen-, Medikamentensucht über die Spiel-, Kauf-, Online-Sucht bis hin zur ICH-Sucht, wie es/sie Professor Reinhard Haller, der bekannte  österreichische Suchtforscher und -therapeut bezeichnet (Zit. S. 172): 

ICH, ICHer, am ICHsten …

Professor Haller bezieht sich dabei insbesondere auf die Zunahme von narzisstischen Tendenzen in der Gesellschaft, also einer Zunahme von Egoismus, Eigenbezogenheit, Gier, übersteigerten Selbstwert, Gefühlskälte und Entsolidarisierung: „Immer mehr Menschen sind von sich so eingenommen, dass für andere kein Mitgefühl übrigbleibt. Sie sind in ihr Spiegelbild verliebt“, schreibt Haller. Narzisssten bekommen allerdings früher oder später einen Höhenrausch („Ich kann alles! Ich darf alles! Ich bin der Größte!“) und viele von ihnen brennen aus (burn-out).

Freiwillige Selbst-Verknechter 

Auf der anderen Seite des Spektrums brennen aber auch immer Menschen aus, die solidarisch oder  hilfsbereit sind, wie etwa die sog. helfenden Berufe (Ärzte, Pfleger, Lehrer …) oder Persönlichkeiten mit dem sog. Helfer-Syndrom oder „Salvataggio-Syndrom“, die „freiwilligen Selbstverknechter“, wie ich diese im Kapitel 5 (Ursachenfeld: Person) unter Bezugnahme meiner persönlichen Geschichte  beschreibe. Also jene Menschen, die sich mit ihren überzogenen Leistungsansprüchen, zu hohen  Zielsetzungen und einem gewissen Maß an Selbst-Ausbeutung selbst überfordern, in die Burnout-Falle tappen und alle möglichen Suchttendenzen entwickeln. Hier kommen die von den Psychologen und Psychotherapeuten genannten „inneren Antreiber“ ins Spiel: „Mach’s den anderen recht! Sei stark! Beeil dich! Streng dich an! Sei perfekt!“ (S. 142 f). Im Rahmen dieses Blogs zum Thema OPTIMIERUNG möchte ich lediglich den Ausbrennfaktor PERFEKTIONISMUS hervorheben.

 

Sei perfekt! 

Worin liegt der Unterschied zwischen dem ehrgeizigen Streben, seine Sache einfach gut machen zu wollen und dem Perfektionismus? Perfektionisten geht es weniger um die Sache selbst, sondern primär um die Frage wie man dasteht, meint der Psychiater Raphael M. Bonelli in einem Interview der Kleinen Zeitung (mit Carmen Oster, 17. 2. 2019). Ich diskutierte dieses Phänomen im Zusammenhang mit meiner selbstkritischen Reflexion im Kapitel „SCHEIN vor SEIN“: das übertriebene Bedürfnis nach Anerkennung, Lob und Wertschätzung spielt dabei auch eine große Rolle sowie die ANGST vor der eigenen Fehlerhaftigkeit, die Angst um sich selbst und das extreme Sicherheitsdenken. Aus derartigen Motiven heraus entwickeln viele Menschen (wie auch ich seinerzeit) Persönlichkeitsmuster wie etwa „Nicht-Nein-sagen-können“ oder „es allen Recht machen“ (Kap. 5 Ursachen: Person, S. 157) und neigen zu Übertreibungen, zu den ungefragten Überstunden und Mehrleistungen, zur permanenten Erreichbarkeit via Handy oder Mail in der Freizeit (vlg. Kap. Job-Mails im Bett, S.163). Hinzu kommt bei vielen Menschen die irrige Vorstellung „anything goes“ und immer mehr leben nach dem olympischen Motto „schneller, höher, stärker“. Diese Entwicklung führt unter anderem, wie die erschreckenden Zahlen belegen, zur gesellschaftlichen Burnout-Misere, zur diffusen Depressivität unserer Zeit und den vielen Suchttendenzen. 

Mein BESTES geben …

Der Optimierungsgedanke hat aber nicht nur negative Folgen, sondern auch positive Aspekte, wie etwa die OPTIMISTISCHE Lebenseinstellung. Eine real-optimistische Grundhaltung ist äußerst vorteilhaft und gesund, wie zahlreiche Studien der positiven Pschologie belegen. Die großen Erfolge in Sport, Wirtschaft, Kunst ect. hängen u.a. damit zusammen: das OPTIMALE aus seinem Leben zu machen, je nach individueller Ausgangslage  (Erkrankung, Behinderung, Startposition) sein BESTES zu geben. Diese Grundhaltung hatte ich bereits vor meinem langjährigen Aufenthalt in der Hölle. Die oben skizzierten übertriebenen Verhaltensweisen, die in die Erschöpfung führten, stellten sich zugleich als eine wertvolle Ressource beim Weg aus der Krise heraus. Ich war es gewohnt, viel zu leisten und immer mein Bestes zu geben. Beim Weg aus der Hölle habe ich grundsätzlich die gleichen Glaubenssätze und inneren Antreiber angewandt, sie lediglich den persönlichen Erkenntnissen angepasst, z. B. „Nicht alles ist möglich, aber viel mehr als du denkst“ oder „Ich muss nicht immer alles perfekt machen, aber dort wo es sich lohnt bzw. mir wichtig ist, gebe ich mein BESTES, gebe ich 100 Prozent.“(mehr dazu siehe S. 271 f). Ich war also bereit, hart an mir zu arbeiten, viele Methoden (medizinische, therapeutische, spirituelle) auszuprobieren. Auch nach dem zwanzigsten Alkoholrückfall und der x-ten Einweisung in die Psychiatrie sagte ich mir: „aufgeben tut man einen Brief, aber nicht mich selbst, nicht den Charly Nessmann“. Mein Credo dabei war: 

hinfallen, aufstehen, weitergehen… 

Ausprobieren, was mir gut tut – überprüfen, was für mich stimmt – herausfinden, was zu mir passt. Schritt für Schritt. Und besonders wichtig war die Einsicht: Alleine schaffe ich das ganze nicht. Nimm die HILFE von Familie, Freunde und Ärzte an. Und gleichzeitig war mir klar, dass Arztbesuche und Medikamente alleine nicht ausreichen, um wieder gesund zu werden. Der Weg zur Heilung/Genesung führt über die EIGENVERANTWORTUNG, Eigen-ver-antwort-ung. Diesen wichtigsten Aspekt habe ich im Kap. „Im Sturm des Lebens die Segel setzten und die Kapitänsrolle einnehmen“ ausführlich beschrieben (S. 213 f) und natürlich auch die vielen Methoden für Körper, Geist und Seele. Für das Thema dieses Blogs sei abschließend darauf hingewiesen, dass das Wörtchen SELBST der Selbst-Optimierung noch eine weitere Bedeutung hat, nämlich 

Du SELBST sein…

Diese uralte Lebensweisheit war auch für meine Gesundung äußerst relevant. Neben all den (alternativ-komplementär-ganzheitlich) medizinischen und therapeutischen Maßnahmen benötigt man vor allem  SELBST-LIEBE, SELBST-AKZEPTANZ, SELBST-ACHTUNG, SELBST-VERTRAUEN, SELBST-VERANTWORTUNG. Ohne diesen Selbstanteil  ist keine positive  Weiterentwicklung möglich. Nur wer sich selbst liebt, kann andere lieben. „Wenn ich mich so, wie ich bin, akzeptiere, dann ändere ich mich“, meint Carl R. Rogers, der bekannte Psychotherapeut, dessen Name sogar eine Therapierichtung trägt. D.h. sich selbst mit all seinen Schwächen, Mängeln, Unsicherheiten, Ängsten annehmen (auch die Krankheit) und natürlich auch die eigenen Stärken und positiven Eigenschaften. 

Der GLAUBE an mich SELBST, der Glaube an Gott oder (wie ich es für mich formuliere) der Glaube an die göttliche Liebe und Kraft des Universums. Ohne diesen Glauben hätte ich und meine Familie den Weg aus der HÖLLE nicht geschafft. Die Tatsache, dass meine Frau und einige Ärzte an mich geglaubt haben, mir signalisierten „Du schaffst das!“, unterstützten meine Selbst-Heilungskräfte und mein Selbst-Vertrauen. Ich muss auch an mich selbst glauben, mir selbst vertrauen, um anderen etwas an-zu-vertrauen, um mich zu trauen, um MUT zu entwickeln. Erst durch die Übernahme der Selbst-ver-antwort-ung für mein Leben finde ich die passenden Antworten für ein gelungenes Leben, für (wie es die Klagenfurter Universitätsprofessorin für Psychologie und Psychotherapie Jutta Menschik-Bendele nennt) „einen gelungenen Lebensstil, eine der Welt zugewandte Haltung, die den Menschen befähigt, die von ihm ergriffenen Aufgaben so zu erledigen, dass er sein BESTES tut …“(S. 289). Oder, wie es auf unserer neuen Online-Plattform „Prävention von Burnout Depression und Sucht – Wege aus der Krise“ als Ziel formuliert ist: Für ein gesundes Leben in Liebe mit einem Lächeln im Gesicht. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand auch der Slogan: lebendig – liebend – lachend.

Was die im Titel dieses Blogs gestellte Frage betrifft, sei abschließend gesagt: Selbst-Optimierung ist sowohl FLUCH als auch SEGEN. Genauso sehe ich – zumindest nachträglich betrachtet –  meine Erkrankungen (Burnout, Depression und Sucht), die damit verbundenen seelischen Leiden und grauenvollen Tiefen der Hölle: sie waren nicht nur ein Fluch, sondern auch ein Segen. Die Lebenskrise zeigte sich als Chance der Weiterentwicklung, der Besinnung auf das Wesentliche im Leben, der Neuorientierung. Sie ermöglichte mir, meinen eigenen Weg zu gehen, den Weg von WAY OF CARL.

Mit lebendigen Grüßen 

CCC-Charly, Carletto, Carl wayofcarl.at  (Dr. Karl Nessmann), Klagenfurt-Grado, im April 2019

(*) Die Zitate stammen aus dem autobiografischen Fachbuch  „Dreimal Hölle und retour: ausgebrannt, depressiv, abhängig. Ursachen, Symptome und Wege aus der Krise. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Betroffenen“ (Morawa). 

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